Der alte Mann und das weiße Pferd

Der alte Mann und das weiße Pferd

Es war einmal ein alter Mann, der lebte in einem kleinen Dorf irgendwo im Osten. Er hatte ein kleines altes Häuschen, einen kleinen Stall und eine Pferdekoppel. Der alte Mann war sehr arm, aber er hatte ein weißes Pferd, das so schön war, dass selbst Könige ihn darum beneideten. Viele Könige hatten ihm schon ungeheure Summen für das schöne Tier geboten. Aber er sagte nur: „Dieses Pferd ist mein Freund, und einen Freund verkauft man nicht.“

Eines Morgens ging der alte Mann in den Stall um sein Pferd zu füttern. Aber das Pferd war verschwunden. Da sagten die Leute aus dem Dorf: „Du dummer alter Mann! Wir haben dir gleich gesagt, verkauf dein Pferd. Dann wärst du jetzt sorgenfrei. Jetzt ist es weg. So Unglück!“ Der alte Mann aber blieb gelassen und erwiderte nur: „Geht nicht so weit zu sagen es sein ein Unglück. Sagt einfach nur das Pferd ist nicht im Stall.“ Die Leute schüttelten verständnislos den Kopf und wussten nicht was er damit meinte.

Einige Monate später kam das Tier tatsächlich zurück. Es war gar nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Das Pferd brachte 12 wunderschöne Wildpferde mit. Wieder kamen die Leute aus dem Dorf zu dem alten Mann und sagten: „Alter Mann, du warst weise. Es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen. Es war gar kein Unglück.“ Der alte Mann sagte wieder gelassen: „Urteilt nicht. Sagt einfach nur, das Pferd ist wieder da.“ Die Leute schüttelten wieder nur den Kopf und verstanden nicht was der alte Mann meinte.

Nach einigen Wochen fing der einzige Sohn des alten Mannes an die Wildpferde zuzureiten. Bei einem besonders wilden, stürzte er jedoch vom Pferd und brach sich beide Beine, so dass er nie wieder gehen konnte. Da kamen die Leute aus dem Dorf und sagten zu dem alten Mann: „Was für ein Unglück, du armer, alter Mann. Jetzt hast du die einzige Stütze deines Alters verloren.“ Aber der alte Mann erwiderte nur: „Ihr lernt wirklich nichts dazu. Ihr seid besessen von Urteilen. Sagt einfach nur, mein Sohn hat sich die Beine gebrochen. Wer weiß, ob das ein Segen oder ein Fluch ist? Ihr lest ein Wort in einem Satz und wollt das ganze Buch beurteilen. Das Leben zeigt sich nur in Bruchstücken.“ Die Leute schüttelten wieder nur den Kopf und verstanden nicht.

Eines Tages kam der Krieg ins Land und alle wehrfähigen jungen Männer wurden eingezogen. Da brach ein lautes Wehklagen und Jammern im Dorf aus. Nur der Sohn des alten Mannes wurde nicht eingezogen, denn er war ja nicht fähig zu kämpfen. Da kamen die Leute zu dem alten Mann und sagten: „Alter weiser Mann, wieder hattest du Recht. Es war gar kein Unglück, sondern ein Segen. Dein Sohn hat sich beide Beine gebrochen und kann nie wieder laufen, aber er ist wenigstens noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort!“ Die Antwort des alten Mannes kann man sich denken.

Weise und unreife Jupiter-Energie

Dieses Märchen symbolisiert sehr schön die weise und die unreife Jupiter-Energie. Der alte Mann nimmt das Schicksal gelassen hin ohne die Geschehnisse gleich zu Werten und in Gut und Böse einzuteilen. Das Verhalten der Leute gleicht dagegen einer nicht eigenständig denkenden Herde. Immer nur tratschen, werten und urteilen, statt wie der alte Mann einfach zu akzeptieren.

Der spirituelle Lehrer Osho sagte zu dieser Geschichte:

Urteilen zeugt von einem erstarrten Bewusstseinszustand und der Kopf urteilt gern. Es ist immer riskant und unbequem in Bewegung zu bleiben. Wirklich, die Reise ist nie zu Ende. Ein Pfad endet, ein anderer beginnt. Die eine Tür schließt sich, dafür öffnet sich eine andere. Du erklimmst einen Berggipfel, ein noch höherer Berggipfel ragt auf. Gott ist eine endlose Reise. Nur Menschen, die mutig genug sind, sich über das Ankommen keine Sorgen zu machen, die mit dem Reisen an sich zufrieden sind, die zufrieden sind und einfach nur im Augenblick leben und in ihn hineinwachsen, nur solche Menschen sind fähig, mit dem Ganzen zu gehen.

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